Die Geschichte von Anton Schneider

Wo Zeit zur Geschichte wird

Geschichte

Seit 1848. Und lange davor.

Die Geschichte von Anton Schneider ist untrennbar mit der Geschichte der Kuckucksuhr verbunden. Deshalb beginnt sie nicht 1848, sondern zweihundert Jahre früher, in den verschneiten Höhen des Schwarzwalds.

um 1640Im Schwarzwald entstehen die ersten Holzuhren.
1848Anton Schneider gründet seine Werkstatt auf dem Eschenbühl in Schonach.
2026Neustart: Die Manufaktur fertigt wieder, heute in Gütenbach.

Teil eins

Vor Anton Schneider.

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1640

Ursprung

Ein Wald voller Zeit.

Warum wurde ausgerechnet eine der abgelegensten Regionen Deutschlands zur Uhrenwerkstatt der Welt? Die Antwort beginnt nach dem Dreißigjährigen Krieg. Die Region war arm, die Böden karg, die Winter lang und schneereich. Was es im Überfluss gab, waren Holz und Zeit.

Der Überlieferung nach brachte Mitte des 17. Jahrhunderts ein Glasträger, einer jener Händler, die Schwarzwälder Glaswaren durch Europa trugen, eine Uhr aus der Fremde mit nach Hause. Auf dem Glashof in Waldau wurde sie nachgebaut. Die Schwarzwälder haben die Uhr also nicht erfunden. Sie taten etwas Wichtigeres: Sie bauten sie aus Holz.

Uhren aus Metall waren Zunftware, teuer und den Städten vorbehalten. Holzuhren durfte jeder bauen, und sie waren so günstig, dass sich auch Bauern und einfache Bürger eine Uhr leisten konnten.

um

1730

Erfindung

Der erste Kuckuck ruft.

Um die Geburtsstunde des Kuckucks streitet der Schwarzwald bis heute, ungefähr so leidenschaftlich wie um das beste Rezept der Kirschtorte. Der Chronist Markus Fidelis Jäck schrieb 1810, Franz Anton Ketterer aus Schönwald habe zu Beginn der 1730er Jahre die ersten Kuckucksuhren gebaut, inspiriert vom Blasebalg der Kirchenorgel. Pater Franz Steyrer berichtete schon 1796, Michael Dilger aus Neukirch und Matthäus Hummel aus Glashütte seien 1742 die Ersten gewesen.

Belege liefert keiner von beiden. Und streng genommen ist der mechanische Kuckuck noch älter: Bereits 1629 wird eine Kuckucksuhr in der Sammlung des Kurfürsten von Sachsen erwähnt.

Sicher ist nur eines: Im Schwarzwald wurde die Idee perfektioniert. Zwei kleine Orgelpfeifen, eine hohe und eine tiefe, angeblasen von zwei Blasebälgen. Ein Hahn hätte vier Töne gebraucht, eine Nachtigall unzählige. Bis heute funktioniert der Ruf in jeder mechanischen Uhr von Anton Schneider nach genau diesem Prinzip.

um

1800

Handel

Zu Fuß durch Europa.

Eine zweite Idee war ihrer Zeit weit voraus: Arbeitsteilung. Nicht ein Uhrmacher baute die ganze Uhr, viele Spezialisten arbeiteten zusammen, Gestellmacher, Kettenmacher, Schildermaler.

Um 1800 verließen bereits rund 150.000 Uhren pro Jahr die Schwarzwälder Stuben. Getragen wurden sie von den legendären Uhrenträgern: Männern, die mit hölzernen Traggestellen, den „Krätzen“, auf dem Rücken zu Fuß durch ganz Europa zogen, bis nach England, Frankreich und Russland.

Teil zwei

Vom Bauernhaus zur Manufaktur.

1848

Gründung

Ein junger Uhrmacher auf dem Eschenbühl.

Es ist das Jahr 1848. Deutschland steckt mitten in der Revolution, überall wird über Freiheit und Aufbruch debattiert. Hoch über Schonach, auf dem Eschenbühl, denkt ein junger Uhrmacher namens Anton Schneider an einen anderen Aufbruch: den eigenen.

In seinem Bauernhaus beginnt er, Kuckucksuhren zu fertigen, mitten in der Blütezeit des Schwarzwälder Uhrengewerbes. Um 1840 arbeiten in der Region rund 5.000 Menschen in etwa 1.000 Uhrmacherhäuschen, 600.000 Uhren entstehen pro Jahr. Anton Schneider ist Teil dieser Bewegung, und er wird sie überdauern. Aus der Bauernstube auf dem Eschenbühl wächst über Generationen eine Manufaktur, deren Name auf allen Kontinenten bekannt ist.

1850

Design

Die Kuckucksuhr bekommt ihr Gesicht.

Kurios, aber wahr: Als Anton Schneider seine Werkstatt gründete, sah die Kuckucksuhr noch gar nicht aus wie die Kuckucksuhr. Der Kuckuck rief damals aus schlichten, bemalten Schilderuhren.

1850 wurde in Furtwangen die Großherzoglich Badische Uhrmacherschule gegründet. Ihr erster Direktor Robert Gerwig, später Erbauer der Schwarzwaldbahn, rief zu einem Designwettbewerb auf. Den folgenreichsten Entwurf lieferte der Architekt Friedrich Eisenlohr: eine Uhr in Form eines Bahnwärterhäuschens mit Schrägdach, die Bahnhäusleuhr. Die Eisenbahn war das Symbol der Moderne, und plötzlich hing sie als Uhr im Wohnzimmer.

Ab den 1860er Jahren wurden die Häuschen immer reicher verziert: Weinlaub, Eichenblätter, Jagdmotive, Tiere des Waldes, Gewichte in Form von Tannenzapfen. Diese Form ist bis heute der Inbegriff der Schwarzwälder Kuckucksuhr, und kaum ein Haus wurde so bekannt für reich verzierte Uhren und lebendige Szenen wie Anton Schneider Söhne.

1880

bis 1950

Weltmarkt

Vom Schwarzwald in die Welt.

Ende des 19. Jahrhunderts verließen über 1,5 Millionen Uhren jährlich den Schwarzwald. Aus Hausgewerbe wurden Fabriken, aus Uhrenträgern wurde Welthandel. Die Kuckucksuhr wurde zum berühmtesten Botschafter der Region.

Die Werkstatt Anton Schneider ging durch diese Zeit wie durch alle folgenden: beharrlich, in Familienhand, von Generation zu Generation. Zwei Weltkriege, Inflation, Wirtschaftskrisen, die Werkstatt in Schonach tickte weiter. Insgesamt sechs Generationen der Familie Schneider führten das Unternehmen und gaben ihr Wissen weiter wie einen Staffelstab.

1952

Moderne

Ein eigenes Fabrikgebäude.

1952 wagte die Familie den großen Schritt: den Umzug vom Bauernhaus in ein eigenes Fabrikgebäude an der Triberger Straße in Schonach. In sieben Bauabschnitten wurde der Standort bis 1985 erweitert. Anton Schneider Söhne wurde zu einer der größten und modernsten Kuckucksuhrenmanufakturen des Schwarzwalds.

Das Sortiment wuchs auf rund 300 Modelle, vom 19 Zentimeter kleinen Einstiegsmodell bis zur drei Meter großen Schauuhr. Jagdstücke mit Hirschkopf und Eichenlaub, Chalets mit Mühlrädern, Biergartenszenen und tanzende Figuren. 2007 wurde das Modell „Watzmannhaus“ zur Kuckucksuhr des Jahres gekürt.

Teil drei

Umbruch und Neustart.

1970

bis 2020

Bewährung

Quarz, Plagiate und die Frage der Echtheit.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde zur Bewährungsprobe für die ganze Branche. Die Quarzuhr veränderte den Weltmarkt, und billige Kopien überschwemmten die Souvenirläden: Uhren, die aussahen wie Schwarzwälder Kuckucksuhren, aber nie einen Schwarzwald gesehen hatten.

Die Antwort der echten Hersteller kam 1987 mit der Gründung des Vereins die Schwarzwalduhr (VdS). Sein Echtheitszertifikat garantiert bis heute, dass eine Uhr vollständig im Schwarzwald gefertigt wurde und mit einem rein mechanischen Uhrwerk arbeitet.

Doch der Markt wurde härter. Traditionsbetriebe verschwanden einer nach dem anderen. Von den einst tausenden Werkstätten blieb eine Handvoll Manufakturen übrig.

2025

Einschnitt

Die Uhr bleibt stehen.

Im August 2025 kam die Nachricht, die niemand hören wollte: Anton Schneider Söhne musste Insolvenz anmelden. 177 Jahre Familiengeschichte, und ein Markt, der sich verändert hatte. Es war kein plötzlicher Absturz, sondern das Ende eines langen Ringens gegen steigende Kosten und sinkende Nachfrage.

Für einen Moment schien es, als würde einer der ältesten Namen der Kuckucksuhr für immer verstummen.

2026

Neuanfang

Der Kuckuck ruft wieder.

Doch diese Geschichte war nicht zu Ende. Anfang 2026 wurde die Marke übernommen, und im März 2026 lief die Fertigung wieder an, am neuen Standort in Gütenbach, nur wenige Täler von Schonach entfernt, mitten im Herzland der Uhrmacherei.

Was bleibt, ist das Wesentliche: mechanische Werke aus dem Schwarzwald, Handarbeit an jeder einzelnen Uhr, das VdS-Zertifikat als Echtheitsversprechen. Was neu ist: eine neue Generation und ein neuer Blick nach vorn.

Fast 180 Jahre nachdem ein junger Uhrmacher auf dem Eschenbühl seine erste Uhr baute, ruft derselbe Kuckuck wieder die Stunde. Nicht als Nostalgie, sondern als Handwerk mit Zukunft.

Zeitleiste

Auf einen Blick.

  • 1629Früheste Erwähnung einer Kuckucksuhr, Sammlung des Kurfürsten von Sachsen
  • um 1640Erste Holzuhren im Schwarzwald, Glashof Waldau
  • 1730 bis 1742Erste Schwarzwälder Kuckucksuhren
  • um 1800Rund 150.000 Uhren jährlich aus dem Schwarzwald
  • 1848Anton Schneider gründet seine Werkstatt auf dem Eschenbühl in Schonach
  • 1850Uhrmacherschule Furtwangen, Eisenlohrs Bahnhäusleuhr prägt die Kuckucksuhr
  • ab 1862Reich verzierte Kuckucksuhren, Gewichte in Tannenzapfenform
  • um 1880Über 1,5 Millionen Uhren pro Jahr aus dem Schwarzwald
  • 1952Umzug in das Fabrikgebäude an der Triberger Straße, Schonach
  • 1987Gründung des VdS, Echtheitszertifikat für Schwarzwalduhren
  • 2007„Watzmannhaus“ wird Kuckucksuhr des Jahres
  • 2025Insolvenz nach 177 Jahren
  • 2026Neustart: Fertigung in Gütenbach

Wo Zeit zur Geschichte wird.

Jede Uhr entsteht in Handarbeit, Stück für Stück. Sehen Sie, wie das geht, oder finden Sie Ihre eigene.